Biographie

 

Nach ihrem großen, internationalen Durchbruch mitten in den 1930-er Jahren wurde Kirsten Flagstad durch ihre Gesangkunst als „die Stimme des Jahrhunderts“ – „The Voice of the Century” bezeichnet.
Heute ist sie sogar noch berühmter, als sie es zu ihrer eigenen Zeit war, und der Name Kirsten Flagstad wird Seite an Seite mit den allergrößten unter den legendären und unsterblichen Sängern und Sängerinnen genannt. Als Stimmenphänomen war sie einmalig, eine Stimme für alle Zeiten.


Kirstens Eltern, Marie, genannt Maja (1871 – 1958) und Michael Flagstad (1869 – 1930) waren beide Berufsmusiker und arbeiteten an verschiedenen Theatern in der Hauptstadt Kristiania (ab 1925 Oslo).
Michael war ein begabter Geigenspieler und mit der Zeit auch Kapellmeister. Mit seinen selbstangeeigneten Sprachkenntnissen nahm Michael auch auf sich, Operntexte ins Norwegische zu übersetzen. Um das Einkommen zu sichern, hatte er eine Ausbildung als Stenograph gemacht und hatte das Storting (das norwegische Parlament) als Arbeitsgeber zusätzlich zur Arbeit mit der Musik, die seine große Leidenschaft im Leben war. Maja, Pianistin und Repetiteurin, energisch und willensstark, war in die norwegische Geschichte als „Opernmamma“ eingegangen, und es gibt viele Sänger und Sängerinnen, sowohl welche, die Noten lesen konnten und welche, die keine Noten lesen konnten, die es ihr zu verdanken haben, dass sie ihre Rollen und ihr Repertoire konnten, als darauf ankam.
 

Die Strandstube Hamar Kirsten mit ihren Eltern 1896 Das Haus in Vinderen

Kirsten Flagstad war also schon von ihrer Geburt an immer von Musik umgeben. Die Tatsache, dass sie in der Strandstube, gleich unterhalb der Domkirche im Zentrum von Hamar geboren wurde, kommt auch indirekt durch die Musik, oder richtiger ausgedrückt durch die schwierigen Lebensverhältnisse, unter denen Musiker Ende des 19. Jahrhunderts in der Hauptstadt lebten. Eine kurze Zeit lang musste das junge Ehepaar Flagstad auch den Gedanken daran, die Musik zum Beruf zu machen, aufgeben und sie zogen zu seinen Eltern. Maja war schwanger mit ihrem zweiten Kind. Das erste Kind, ein Junge, starb im Alter von vierzehn Monaten. Kirsten, geboren am 12. Juli 1895, wurde die Älteste von vier Geschwistern, zwei Mädchen und zwei Jungen.
 

Die Familie ließ sich später in Vinderen, am Rande der Hauptstadt, nieder.
Als Berufsmusiker waren die Eltern oft außer Haus und das führte dazu, dass Kirsten sich schon in jungen Jahren verantwortlich fühlte, und vielleichts sogar auch von ihren Eltern eine Verantwortung bekam, die größer war, als man von ihrem Alter her erwarten sollte. Dies hat wohl dazu beigetragen, dass sie Strenge, Sturheit, Ernst und Verantwortungsbewusstsein als Eigenschaften entwickelte, die von denen, die sie kannten, oft erwähnt wurden, wenn sie versuchten Kirstens Persönlichkeit zu beschreiben.

 

Kirsten mit ihren jüngeren Geschwistern Kirsten 10 Jahre alt Kirsten mit ihren jüngeren Geschwistern

Kirsten und ihre Geschwister spürten die treibende Energie und das wachsame Auge der Mutter auf vielerlei Art und natürlich auch, als Kirsten als Sechsjährige anfing, Klavierunterricht zu bekommen. Aber Kirsten hatte selbst einen inneren Drang nach Musik. Ohne dass irgend jemand sie darum bitten musste, fing sie selbst früh damit an, alle die Noten zu spielen, die zu jeder Zeit auf dem Klavier im Flagstad-Zuhause gestapelt lagen. Bald begleitete sie sich selbst zu Liedern, die sie entdeckte und schätzen lernte, unter anderem aus dem Liederschatz des Komponisten Franz Schubert. Am Ende ihrer Karriere konnte sie im Rückblick zugeben, dass gerade Schuberts Lieder es waren, die ihr geholfen hatten, sich aus dunklen und schweren Stunden heraus frei zu singen.

Bild rechts:
Kirsten am Klavier

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Es ist zurecht als auffallend und schicksalsbestimmt bezeichnet worden, dass Kirsten Flagstad, die von vielen als die größte Gesangsinterpretin von Richard Wagners hochdramatischen Sopranpartien angesehen wird, schon zu ihrem zehnten Geburtstag von ihren ElternWagners Noten für die romantische Oper Lohengrin geschenkt bekam. Kann es so banal gewesen sein, dass die Eltern eventuell nur einfach den Geburtstag ihrer Tochter vergessen hatten und dass der Klavierauszug da lag, gerade erst neu gekauft und noch nicht benutzt, und dann eben schnell als Geschenk für Kirsten eingepackt wurde? Egal, was jetzt die Ursache gewesen sein mag, weihte Kirsten sich der Musik und drang in eine Dramenwelt mit edlen Rittern und guten und bösen Menschen ein und brachte sich selbst die Partie der tragischen Heldin Elsa bei. Sie fand es vielleicht sogar selbst sehr passend, als sie einige Jahre später zu ihrer Konfirmation eine Geschmacksprobe aus dem Lohengrin gab. Die Gesangpädagogin Ellen Schytte Jacobsen (1876-1959), eine enge Freundin der Familie, war nicht dieser Ansicht. Sie war zu Gast an diesem Tag und bot sich an, Kirsten gratis Gesangunterricht zu geben, so dass sie das wenige, was sie eventuell an Gesangstimme haben sollte, nicht schädigen würde. So wird die Geschichte erzählt, aber es kann auch gut sein, dass „Tante“ Ellen, wie sie genannt wurde, schon zu diesem Zeitpunkt merkte, dass da ein Talent verborgen lag hinter dieser etwas unbeholfenen Aufführung, die sie damals miterlebte. Auf jeden Fall dauerte es nicht lange, bis sie verkündete, dass Kirsten damit rechnen könne, innerhalb von überschaubarer Zeit professionell zu singen. Und so wurde es auch, aber zu dem Zeitpunkt, als die Tante es vorhersagte, lachte Kirsten selbst nur darüber.
Mit der Oper Lohengrin wurde noch ein Schicksalsfaden in Kirsten Flagstads Leben gesponnen, als sie fast zwanzig Jahre später, 1929, das erste Mal die Rolle der Elsa hatte in einer Vorstellung im Nationaltheater in Oslo. Im Saal saß Henry Johansen (1889-1946), mit dem Kirstens Leben von da ab untrennbar verbunden sein sollte, in guten und in schlechten Zeiten.
Es war übrigens auf der Bühne des Nationaltheaters, wo Kirsten am 12. Dezember 1913, achtzehneinhalb Jahre alt, als Opernsängerin in einer kleinen Rolle in der Oper Tiefland von Eugen d’Albert vor vollem Saal, wo auch König Haakon und Königin Maud anwesend waren, debütierte. Damals konnte sie kaum ahnen, dass sie auf den Tag genau vierzig Jahre später, 1953, von der gleichen Bühne am Ende einer unglaublichen Karriere und mit einem Leben hinter sich, dass die größten Siege und die tiefsten Niederlagen hervor gebracht hatte, die Erinnerung an dieses Debüt feiern würde mit einem sensationellen Konzert, das sie mit unverminderter Kraft durchführte.
 
Nuri in Tiefland, Nationaltheatret 1913 Elsa in Lohengrin, Nationaltheatret 1929 Isolde in Tristan und Isolde, Nationaltheatret 1932 Jubiläumskonsert, Nationaltheatret 1953

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Debüt folgten einige kleinere und größere Rollen, die den Eindruck eines absoluten Talents noch weiter bestätigten, die aber auch deutlich zeigten, dass sie noch einen langen Weg vor sich hatte, wenn sie Sängerin und Bühnenkünstlerin werden wollte. Diese Jugendjahre waren, wie für viele andere in diesem Alter, von Unsicherheit und Ausprobieren geprägt. Einige Jahre vor ihrem Debüt hatte sie noch Ambitionen gehabt, eine Arztausbildung zu machen, vielleicht unter dem Einfluss der Mutter, die immer stark zum Ausdruck brachte, dass sie keines ihrer Kinder als Berufsmusiker sehen wollte – was dann aber doch alle wurden! Das konzentrierte und harte Arbeiten, um sich für die Aufnahme zum Arztstudium vorzubereiten, zehrte allerdings hart an ihrer Gesundheit und die Pläne wurden aufgegeben. Es war auch eine Zeit lang die Rede davon, sich als Klavierpädagogin auszubilden, aber daraus wurde auch nichts. Um an andere Dinge als verschiedene Berufsausbildungen zu denken, wurde Kirsten Anfang zwanzig dem Sohn eines wohlhabenden Händlers aus Vesteraalen vorgestellt und ihm mehr oder weniger als Frau versprochen. Nachdem sie versuchte, sich einige Zeit bei den kommenden Schwiegereltern aufzuhalten, sahen sie und ihre kluge Schwiegermutter in spe allerdings bald ein, dass ihre Zukunft doch eher innerhalb der Musik lag. Kirsten bekam von ihrer Schwiegermutter in spe Geld geschenkt und hatte damit die Möglichkeit, ein Jahr lang Musik zu studieren.

Von ihrem ersten Gesangslehrer war Kirsten zu dem Bass-Sänger und Pädagogen Albert Westvang (1885-1957) über gegangen, und nach einigen Überlegungen wurde nun entschieden, dass sie versuchen sollte, den bekannten, aber umstrittenen Dr. Gillis Waldemar Bratt in Stockholm als Lehrer zu bekommen. Wie Kirsten Flagstad selbst immer wieder deutlich hervor hob, musste sie in ihrer Gesangsausbildung nie umlernen oder neu anfangen; was sie gelernt hatte, baute immer logisch auf das Vorhergelernte auf. Aber es war deutlich, dass ihre großes Potenzial bei Dr. Bratt (1870-1925) seiner norwegischen Assistentin Haldis Ingebjart Isene (1891-1978) zu blühen begann, eine Auffassung, die offensichtlich auch von einem anonymen Mäzen geteilt wurde, der ihre weiteren Studien finanzierte.

Im Frühjar 1918 hatte sie ein erfolgreiches Debütkonzert in der Aula der Universität in Oslo, und im Herbst dieses Jahres fing sie dann zusammen mit ihrem Lehrer Dr. Bratt mit den letzten Vorbereitungen für die Vorstellung an, die ihr Operndebüt in Stockholm werden sollte. Dann geschah allerdings etwas, was diese Pläne umwarf. Während sie zum Jahreswechsel 1918-19 auf Weihnachtsurlaub zu Hause war, verliebte sie sich Hals über Kopf in Sigurd Hall (1893 -1962), der Witwer war und nur einige Jahre älter als sie selbst. Ein halbes Jahr später waren sie verheiratet, und am 17. Mai 1920 wurde ihre Tochter Else, ihr einziges Kind, geboren.

Im Nachhinein hat Kirsten Flagstad zum Ausdruck gegeben, dass sie selbst nie besondere Karriereambitionen gehabt hatte, die Umgebung und Zufälle sie aber immer weiter getrieben hatten. Vielleicht war die spontane Heirat ein impulsiver und unterbewusster Protest gegen Anforderungen und Erwartungen, die vor ihr lagen.

Kirstens Schwangerschaft war ein willkommener Abbruch ihrer Anstellung, die sie an der neuetablierten Opera Comique in Oslo bekommen hatte, wo auch andere in der Familie engagiert waren. Sie hatte sich vorgestellt, dass das neue Familienleben ein natürliches Ende ihrer gerade angefangenen Sängerkarriere bedeuten würde, aber die unsichere finanzielle Situation des Ehepaars führte dazu, dass sie ihren Teil zum gemeinsamen Einkommen beitragen musste, und nach einigen Monaten ging sie widerwillig wieder arbeiten. Es waren anstrengende Jahre an verschiedenen Theatern in der Hauptstadt, mit dauerndem Wechsel zwischen Opern, Operetten, lustigen, glamourösen Revuen und zwischendurch auch noch Konzertengagements.

Das Glück, das sie sich in der Ehe vorgespiegelt hatte, ging in den knappen zehn Jahren, die die Ehe dauerte, nach und nach in eine Verfremdung und krasse Wirklichkeitsauffassung über, aber für Kirsten waren dies auch wichtige Reifungsjahre, sowohl menschlich, als auch künstlerisch und als gesanglich.
Wie nicht selten nach einer Schwangerschaft, war ihre Stimme gewachsen und hatte sich weiter entwickelt, und ihre Begabung verlangte mit der Zeit nach größeren Herausforderungen, als sie in Oslo bekommen konnte, was auch einige ihrer Kollegen sahen und verstanden, vielleicht sogar deutlicher als sie selbst.

Kirsten und Sigurd Hall, 1919 Kirsten mit Else, 1920 Kirsten und Else, 1926 Kirsten und Henry Johansen,
Ende der 1930-er Jahre

Durch Empfehlungen und Probesingen wurde es das Große Theater (Stora Teatern) in Göteborg, das 1928 die nächste entwickelnde Phase in Kirsten Flagstads merkwürdigen und abenteuerlichen Leben einleiten sollte. Hier näherte sie sich dem dramatischen Rollenfach, in dessen Richtung sich ihre Stimme entwickelt hatte, und hier fand sie die Freiheit, um ihr szenisches Talent zu entfalten und auch die Anerkennung, von der ein Künstler abhängig ist. Als der große dänische Komponist Carl Nielsen eine Aufführung seiner eigenen Oper Saul und David im Stora Teatern hörte, benutzte er hinterher das Wort Genialität über ihre Interpretation, ein Begriff, der später oft mit ihrer Kunst verbunden wurde.

Die Begegnung mit dem wohlhabenden Industrieherren Henry Johansen 1929 und die Hochzeit ein Jahr später war ein bedeutender Wendepunkt in Kirsten Flagstads Leben und ihrer Karriere. Finanziell gut versorgt, erlebte sie jetzt eine neugewonnene Freiheit, und nach anstrengenden Jahren stellte sie sich jetzt ein Leben als Hausfrau vor, wo Singen nur ein Hobby sein würde. Aber auch jetzt wurde sie immer wieder aufgefordert und beeinflusst von denen, die ihr nahe standen, Konzertangebote und Rollenengagements anzunehmen. Kirsten Flagstad hatte nicht nur eine prachtvolle Stimme, sondern war auch ungewöhnlich musikalisch und lernte selbständig und schnell, was zu dieser Zeit eher ungewöhnlich war, da viele Sänger nicht einmal Noten lesen konnten. Es passierte mehrmals, dass sie Konzerte und Aufführungen in letzter Minute rettete.

Der nächste große Schritt in Richtung einer internationalen Karriere wurde im Sommer 1932 getan, als sie die Rolle der Isolde in Richard Wagners Oper Tristan und Isolde im Nationaltheater in Oslo bekam. Diese Leistung wurde bis weit über die Landesgrenzen hinaus bemerkt. Auch die in Schweden geborene Sopranistin Ellen Gulbranson, die mit einem Norweger verheiratet war und in Oslo wohnte, und eine der ungekrönten Königinnen aus früheren Jahren an Wagners eigenem Theater in der süddeutschen Stadt Bayreuth war, hörte Kirsten Flagstads Isolde. Sie nahm darauf hin mit Winifred Wagner, der Witwe von Richard Wagners Sohn Siegfried, und damaligen Leiterin der berühmten Festspiele, Kontakt auf. Kirsten wurde zum Probesingen eingeladen und nahm einige kleinere Rollen an, die für die Saison 1933 noch nicht besetzt waren.
Die Einführung in Wagners Musiktradition an seinem eigenen Theater wurde eine wichtige Phase in Kirsten Flagstads weiteren Entwicklung als Sängerin und Künstlerin.
Auch im nächsten Jahr wurde sie engagiert. Und während sie im Sommer 1934 in Deutschland war, wurde sie aufgefordert, einen Abstecher nach St. Moritz in der Schweiz zu machen, um der Leitung der berühmten Metropolitan Oper in New York vorzusingen. Sie wurde daraufhin engagiert. Die Opernleitung verstand allerdings erst nach Kirstens Debüt als Sieglinde in Wagners Oper Die Walküre am 2. Februar 1935, was für eine Sensation sie wirklich war. Von da an übertraf Kirsten Flagstad sich selbst in einer Rolle nach der anderen im Wagner-Repertoire. Sie wurde zum Liebling des Publikums und zur Favoritin der Kritiker, und sie rettete das Opernhaus davor, in der schwersten finanziellen Krisenzeit in der Geschichte Deutschlands die Tore schließen zu müssen. Als die Saison endlich vorbei war, war sie total erschöpft, aber natürlich auch glücklich, als sie wieder zurück nach Norwegen reiste.

Die nächsten fünf Jahre wurden zu den größten Jahren in Kirsten Flagstads Karriere mit Gastauftritten an den großen Opernhäusern in Europa und den USA und zwischendurch langen Konzerttourneen, die sie quer durch den amerikanischen Kontinent führten, aber auch ganz bis Australien. Wo sie jetzt ein weltberühmter dramatischer Sopran war, wurden ihre vorher sehr vielen verschiedenen Opern- und Operettenrollen auf eine Handvoll von Wagners Heldinnen reduziert, außerdem hatte sie die Titelrolle in Beethovens Fidelio, Glucks Alceste und in Webers Oberon. Als Abschluss ihrer Karriere viele Jahre später war sie Dido in Purcells Oper Dido und Aeneas, und sie studierte die Rolle der Fricka in Das Rheingold für die erste komplette Studioaufnahme von Wagners Der Ring des Nibelungen.


Sieglinde Brünnhilde Isolde Senta Fidelio

Auch wenn es in diesen hektischen Karrierejahren weniger Rollen wurden, musste sie jetzt ein umfassendes Konzertrepertoire einstudieren. Anders als die meisten anderen ihrer Zeit benutzte sie nie ein Textbuch, sondern konnte ihre Programme auswendig und wirkte mit ihrem einfachen und ruhigen Auftreten auf der Bühne beinahe schockierend auf ein Publikum, dass es gewohnt war, dass Konzertsänger gestikulierten und vom Podium spielten. Auf ihren Konzertprogrammen hatte sie immer eine oder mehrere Abteilungen mit Liedern von norwegischen Komponisten, und wie niemand anderes machte sie Edvard Grieg ihrem Publikum bekannt, vor allem mit den Liedern aus Haugtussa.

Als eine natürliche Folge ihres großen Durchbruchs in der Metropolitan Oper wollten jetzt alle „The Great Flagstad“ hören, und sie musste unmittelbar Auszüge ihrer Rollen auf Grammophonplatten aufnehmen, um die große Nachfrage zu befriedigen. Das war die Fortsetzung einer Plattenkarriere, die eigentlich schon 1914 so langsam angefangen hatte und erst 1959 mit großer Würde endete.
Der modernen Technologie ist es zu verdanken, dass viele archivierte Radiosendungen von Konzerten und Opernvorstellungen ab der Mitte der 1930-er Jahre und dem Rest ihrer Karriere restauriert und auf CD heraus gegeben wurden. Nicht zuletzt durch diese Aufnahmen hat die Nachwelt ein Verständnis dessen bekommen können, wie groß die Gesangkunst von Kirsten Flagstad wirklich war.
Als Dänemark und Norwegen 1940 mit in den zweiten Weltkrieg hinein gezogen wurden, musste die geplante Heimreise verschoben und ihre Karriere langsam gebremst werden. Erst ein Jahr später konnte sie nach Hause nach Norwegen reisen, eine Entscheidung, die sie traf, um persönlichen und familiären Wünschen und Ansprüchen entgegen zu kommen, die aber lange Schatten auf den Rest ihres Lebens werfen sollte. Aufgrund der geschäftsmäßigen Verbindungen ihres Ehemannes mit der Besatzungsmacht und taktischen Sympathien zur Quisling-Partei Nasjonal Samling entstanden bald unbegründete, bösartige und unwahre Gerüchte über Kirsten Flagstad. 1946 wurde sie Witwe, bevor die Anklagen gegen ihren Mann, Kriegsprofitmacher gewesen zu sein, abgeklärt waren. Mehr als andere wurde sie in der Nachkriegszeit aufs Schlimmste schikaniert, und ihr Name rief Assoziationen hervor, die kaum jemals wieder zu entfernen waren. Die Ursache dafür war möglicherweise auch die Tatsache, dass sie eine der größten vokalen Exponenten von Richard Wagners mystischer Heldenwelt war, die auf unbehagliche Weise ein Vorbild für Adolf Hitlers tausendjähriges Reich wurde, wofür weder Wagner noch Kirsten Flagstad etwas konnte.
 

Nach schweren Jahren mit gerichtlicher und persönlicher Verfolgung wurde Kirsten formell vom norwegischen Staat rein gewaschen. Mit einem neuen Pass und einem offiziellen Attest, der ihre patriotische und nationale Haltung während des Krieges bestätigte, reiste sie wieder in die Welt hinaus und fing erneut den mühsamen Prozess an, ihre Karriere und ihr Renommee wieder aufzubauen. Nach und nach erstickten die Proteste und Anklagen gegen sie im Applaus von all denen, die ihre Gesangskunst liebten und an sie glaubten.
Kirsten Flagstad eroberte die eine Schanze nach der anderen zurück mit ihrer unübertroffenen Gesangskunst und gewann ihre Ehre zurück. Ihre Ernennung zur obersten Leiterin der Norwegischen Oper 1958 durch den norwegischen Staat bedeutete einen glanzvollen Abschluss einer einzigartigen Karriere und einem Leben, das so inhaltsreich war wie ihre dramatischsten Rollenfiguren.
 

Portrait, 1947 Foto, 1949 Kirsten Flagstad begrüßt König Olav bei der Eröffnung der Norwegischen Oper 1959 Kirsten Flagstad als Opernleiterin, 1959

Während ihrer schwersten Jahre gab Kirsten Flagstad oft zum Ausdruck, dass Ehre und Berühmtheit für sie nur leere und vergängliche Begriffe waren, und dass sie sich nach Anonymität und Vergessenheit sehnte.
Nach eigenem Wunsch wurde Kirsten Flagstads Urne in einem anonymen Gemeinschaftsgrab beigesetzt.
Aber in der Welt der Gesangskunst gehört sie zu den Unsterblichen.
 

Rolf Knapper
Hochschule Hedmark
 

Publisert 30 March 2009